ANgedacht

„You are in our prayers.”  So klingt für mich der cantus firmus, mit dem mich meine Grosseltern durch die Kindheit begleiteten. Das taten sie – obwohl sie tausende Kilometer weit weg wohnten. Obwohl die Besuche zwischen Deutschland und den USA gezählt waren. Ich erinnere mich an ihre liebevolle Präsenz und ihr Interesse an uns, wenn sie da waren. Sie schafften es auch, Nähe zu vermitteln, wenn sie nicht da waren. Und sie wussten unsere Abschiede so zu gestalten, dass man getrost weitergehen konnte. Obwohl sie ihren Schmerz über eine weitere Trennung nie versteckt haben, uns ihre Tränen haben sehen lassen. Leicht war das nicht. 

Aber es gab etwas Entscheidendes. Jedes Mal haben sie uns dieses Wort mit gegeben. Wieder und wieder durfte ich hören oder in einem Brief lesen:  “You are in our prayers.”  Darauf konnte man sich verlassen. Ich wusste: egal, wo ich gerade bin, sie denken an mich. Jemand betet für mich. Die Entfernung kann dem nichts anhaben. Wir sind verbunden.

Bis heute ist diese Verbundenheit in mir lebendig, obwohl meine Grosseltern schon vor vielen Jahren gestorben sind.  Wir sind verbunden mit Gott und miteinander – in unserem Miteinander ist Gott und wir in ihm. Darauf vertraue ich bis heute. Das hilft mir. Besonders wenn es um Abschiedserfahrungen geht, die schwieriger sind, als die in Monaten oder Entfernungen zu messenden. Wenn ich liebgewonnene Vorstellungen oder Wünsche fahren lassen muss. Wenn ich kein Land mehr sehe, weil in mir eine Welt erschüttert ist. Wenn ich nicht weiss, wie ich den Weg finde heraus aus meiner Enttäuschung oder Zerrissenheit. 

Es macht einen Unterschied, wenn ich dann weiss: da denkt jemand an mich. Es verändert etwas, wenn ich höre: Jemand betet für mich. Ich bin nicht allein. Mit dem Gefühl von Verbundensein kann ich anders leben. Kann ich mich tiefer freuen, kann ich Zumutungen besser verkraften. Miteinander Verbundensein ist wie ein Stück Heimat – auch im Gebet.

Wir gehen auf Ostern zu. Von neuem schauen wir uns den Weg Jesu an: seine Erfahrungen von Fülle und seine Erfahrungen von Trennung und Schmerz. Seine tiefe Verbundenheit mit Gott, in seinem Leben und Sterben. Wir können erkennen, was für ein Geschenk und was für eine grosse Aufgabe darin liegt für unser Leben und unser Miteinander.

“Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.”

Es sind die allerletzten Worte, die der auferstandene Jesus im Matthäusevangelium seinen Jüngern mitgibt. Von nun an müssen sie ohne Jesus weitergehen.  Und sie sollen weitergehen, mit ihrem Glauben und mit allem Zweifel, der dazugehört: In aller Welt sollen sie Menschen gewinnen für die Botschaft Jesu Christi und sie taufen auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Jesus nachzufolgen, das ist eine Aufgabe mit einem grossen Anspruch. Aber nicht ohne das letzte Wort, nicht ohne den entscheidenden Zuspruch Jesu: Ich bin bei euch allezeit.

Von dieser Verbundenheit können auch wir leben. Und anderen weitergeben. Er ist uns verbunden, auch im Getrenntsein. Sogar im grössten Abschied sind wir gehalten und bleiben verbunden. Sagen wir das weiter. Es macht einen Unterschied.    

Für die Wochen der Passions- und Osterzeit wünsche ich Gottes Kraft und Segen und verbleibe mit herzlichen Grüssen,

Ihre und Eure Pfarrerin Susanne Fischer-Kremer.