Erfahrungsbericht aus der Deutschen Seemannsmission

Liebe Mitglieder und Freunde der evangelisch lutherischen Kirche deutscher Sprache in Ostengland,

den Sommer über bin ich nun wieder an der Küste von Nordost-England und arbeite als Missionarin bei der Deutschen Seemanns-Mission in Middlesbrough.

Vor genau einem Jahr hatte ich mich ins kalte Wasser werfen lassen und war einem Ruf gefolgt, der meine Augen für die wichtige Arbeit der Seemannsmissionen öffnete.

Ich, eine junge Frau aus Sachsen, die noch nie etwas mit Schiffen zu tun hatte, geschweige denn mit Seemännern, sollte vor einem Jahr alleine Schiffe besuchen und den darauf arbeitenden Seemännern ein Gefühl von Wertschätzung geben, sie herzlich im fremden Hafen empfangen und ihnen helfen, wo sie Hilfe brauchten.

Zu Beginn meiner Arbeit – in den 1,5 Wochen, in denen ich von meinen Mentoren eingearbeitet wurde, bevor diese in den Urlaub fuhren – war ich mir bei jedem Schiffsbesuch sehr unsicher; vor allem, als ic dann auf mich allein gestellt war…

Doch nachdem ich mich eingearbeitet hatte und das Leben der Seefahrer bzw. Seefahrerinnen besser kennenlernte, verliebte ich mich in diese Arbeit. Ich lernte sehr viel über Schiffe und die Seefahrt und erfuhr, wie hart es ist, ein Seefahrer bzw. eine Seefahrerin zu sein.  In der Nordsee sind die Seeleute meist “nur” 28h-36h auf dem Meer unterwegs. Dann sind sie wieder in einem Hafen, um ihre Fracht zu löschen und neue Fracht zu laden. Sie sind ständig auf dem Schiff, auch wenn sie im Hafen sind. Dann haben sie zu tun, bis sie wieder in See stechen. Die meisten der Seeleute kommen von den Philippinen. Für die Reedereien sind sie billige Arbeitskräfte, verdienen aber immer noch mehr, als sie in ihrem Land verdienen würden. Oft schließen sie Verträge bis zu 12 Monaten ab. Stellen Sie sich vor, Sie wären 10 Monate lang auf ein- und denselben Schiff, OHNE einen freien Tag und ohne große Pause zwischendurch… Stellen Sie sich nun vor, Sie sind in einem fremden Land, haben keinen funktionierenden Handy Vertrag und können nicht vom Schiff herunter, um sich eine SIM-Karte und Guthaben zu kaufen.  Sie sind komplett von der Welt und der eigenen Familie abgeschnitten…  Und dann kommen freundliche Menschen an Bord, die ein offenes Ohr und Verständnis für jedes Problem haben, die sich um einen kümmern und Wünsche erfüllen, wie z.B. spezielle Einkäufe, die aber auch SIM-Karten mitbringen und Guthaben an Bord verkaufen, sodass die Seeleute wieder Ihre Familien kontaktieren und das Internet nutzen können.

Die Seeleute können bzw. dürfen nur in seltenen Fällen vom Schiff herunter und den Hafen verlassen, und wenn das der Fall ist, dann biete ich Ihnen Fahrdienste an und kümmere mich auch darum, dass sie wieder rechtzeitig zum Schiff zurückkommen.

Kein Tag ist gleich bei der Seemannsmission. Es gibt immer wieder neue Situationen, neue Erlebnisse, neue Herausforderungen. Das macht die Arbeit auch abenteuerlich! Es ist eine sehr wichtige Arbeit, die mir sehr zu Herzen geht. Ich liebe es Menschen zu helfen, und wenn es „nur“ ein Einkauf von Schokolade ist. Sie glauben gar nicht, wie sehr sich Seeleute über solche Kleinigkeiten freuen. Denn auf einem Schiff sind sie von der „normalen“ Welt abgeschnitten und als Seefahrer-Diakonin ist es mir sehr wichtig, den Seeleuten das Leben so lebenswürdig wie nur möglich zu machen.

Marie-Kristin Liebold